Digitale Souveränität gibt es nicht gratis
Einen eigenen Konferenztag für den öffentlichen Sektor zu organisieren, ist ein kleines Wagnis. Er funktioniert nur, wenn Menschen aus Verwaltungen bereit sind, offen über ihre Probleme zu sprechen - und nicht nur über ihre Erfolge. Die Antwort kam am 28. September 2026 in Rotterdam. Einen Tag vor dem offiziellen Start der DrupalCon Europe trafen sich Vertreter:innen von Gemeinden, Ministerien und der Europäischen Kommission zum ersten Government Summit. Was dort verhandelt wurde, betrifft jede österreichische Gemeinde, die eine Website betreibt: Wer trägt eigentlich die Verantwortung für die Software, auf die sich die öffentliche Hand zunehmend verlässt?
Warum sich eine Agentur um Vernetzung kümmert
Bei ACOLONO ist uns Vernetzung immer schon wichtig gewesen. Unsere Gründer Nico Grienauer und Chris Ziegler sind beide im Vereins Drupal Austria engagiert. Nico hat auch den Summit in Rotterdam mitorganisiert, und das hat gute Gründe. Auf dem Podium saßen auch Vertreter:innen anderer Agenturen - also Unternehmen, die im Alltag durchaus um dieselben Aufträge konkurrieren. Das ist kein Widerspruch, sondern der Kern unseres Verständnisses von Open Source. Software, die von vielen genutzt wird, muss auch von vielen getragen werden. Keine einzelne Agentur und keine einzelne Gemeinde kann eine Plattform über Jahrzehnte allein weiterentwickeln, absichern und barrierefrei halten. Wer das versucht, landet früher oder später wieder in genau der Abhängigkeit, die Open Source eigentlich vermeiden soll - nur mit einem anderen Namen auf der Rechnung.
Für uns ist Vernetzung deshalb kein Marketing-Nebenprodukt, sondern Teil der Arbeit. Wir lernen von Kolleg:innen in Großbritannien, die mit LocalGov Drupal seit Jahren zeigen, wie Gemeinden Software gemeinsam besitzen können. Und wir arbeiten daran, diese Erfahrungen nach Österreich zu holen - ohne so zu tun, als ließe sich ein britisches Modell eins zu eins übertragen.
Nutzen allein macht nicht souverän
Den inhaltlichen Rahmen des Government Summit setzte Dr. Sachiko Muto, Vorsitzende von OpenForum Europe und Forscherin am schwedischen Institut RISE. Sie leitete das Vormittagspanel zur Frage, wer für den Erhalt der Open-Source-Ökosysteme verantwortlich ist, von denen digitale Souveränität abhängt. Ihre These: Souverän wird die öffentliche Hand nicht durch den passiven Konsum offener Software, sondern durch aktive Mitgestaltung. Dazu müssten rechtliche und strukturelle Barrieren fallen, und Beschaffungsprozesse müssten so gebaut sein, dass Code und Rückmeldungen in die Projekte zurückfließen.
Wie das in der Praxis aussieht, schilderte Teun van der Vorm, Generaldirektor von DICTU, dem IT-Dienstleister des niederländischen Wirtschaftsministeriums. Dort wird Open Source bevorzugt, wo immer eine Wahl besteht, und eigener Code wird nach dem Prinzip „Public Money, Public Code" veröffentlicht. Bemerkenswert ist seine Begründung: Neben Unabhängigkeit und Transparenz nennt er auch den Arbeitsmarkt. IT-Fachkräfte, die bewusst für die öffentliche Hand arbeiten, wollen oft genau so arbeiten.
Gina Plat vom Open Source Program Office des niederländischen Innenministeriums hatte im Vorfeld in einem interview einen sehr nüchternen ersten Schritt empfohlen: eine Abhängigkeitskarte. Für jeden wichtigen Dienst wird geklärt, wer ihn liefert, was bei einer Preisverdopplung oder einem Rückzug des Anbieters passiert und was ein Ausstieg kosten würde. Gleichzeitig warnte sie davor, Open Source als Sparprogramm zu verkaufen. Lizenzkosten fallen weg, dafür braucht es eigene Expertise, Betrieb und Beiträge zu den genutzten Projekten.
Als Beispiel nannte sie Schleswig-Holstein: Laut Plat hat das Bundesland einmalig rund neun Millionen Euro in den Umstieg investiert und spart seither jährlich etwa 15 Millionen Euro an Lizenzgebühren. Entscheidend sei aber nicht die Ersparnis, sondern die zurückgewonnene Kontrolle - und dass die Umstellung politisch von ganz oben getragen wurde.
Barrierefreiheit muss bezahlt werden
Mike Gifford von der US-Agentur CivicActions lenkte den Blick auf ein Thema, das in Vergabeverfahren oft erst am Ende auftaucht. Rund ein Viertel der Bevölkerung lebt mit einer Behinderung. Barrierefreiheit ist für öffentliche Dienste damit kein Zusatz, sondern Grundvoraussetzung. In Open-Source-Projekten ist sie dennoch häufig unterfinanziert, wie Giffords automatisierter Vergleich europäischer Behördenseiten zeigt.
Sein Kernsatz: Derselbe Barrierefreiheitsfehler sollte nicht fünfzigmal mit öffentlichem Geld behoben werden - sondern einmal, direkt in der gemeinsam genutzten Software. Damit das passiert, muss es im Vertrag stehen. Gifford nennt sechs Bausteine: klare Anforderungen, ein festgelegtes Testverfahren, die Einbindung von Menschen mit Behinderung, Barrierefreiheit als Abnahmekriterium, Nachtests nach größeren Änderungen und einen verpflichtenden Weg, Verbesserungen an das Open-Source-Projekt zurückzugeben. Als Vorbild verweist er auf die Niederlande, deren „Open Source Ambitieladder" Behörden schrittweise vom Veröffentlichen ihres Codes bis zur offenen Zusammenarbeit führt. Wer konkrete Formulierungen sucht, findet bei Gifford auch Vorlagen für Vertragsklauseln.
In Österreich, wo das Web-Zugänglichkeits-Gesetz öffentliche Stellen ohnehin verpflichtet, ist das ein naheliegender Hebel.
Gemeinsam bauen - mit allen Ecken und Kanten
Die Praxisberichte zeigten, was möglich ist, wenn Verwaltungen Software teilen. LocalGov Drupal ist in Großbritannien und Irland von zwei Gemeinden mit gemeinsamer Codebasis auf rund 77 Gemeinden gewachsen. Sie finanzieren und entwickeln ihre Plattform gemeinsam, organisiert über eine Genossenschaft, die ihnen selbst gehört. Die Stadtverwaltung von Luton hat auf dieser Basis eine Website mit rund 2.000 Seiten und fast 4.000 Dokumenten neu aufgesetzt. Die öffentliche Beta ging nach elf Wochen online, die vollständige Seite rund 14 Wochen später. Interessanter als das Tempo ist Lutons eigene Bilanz: Die Plattformwahl sei wichtig, über die Qualität für die Bürger:innen entschieden aber klare Zuständigkeiten und gute Inhalte. Eine gemeinsame Software ersetzt also keine Arbeit im eigenen Haus.
Ähnlich ehrlich war die Kalkulation der britischen Agentur Chicken für „Quorum", ein quelloffenes System für das Sitzungsmanagement von Gemeinderäten. Gemeinsam gebaut kostet es nach einer groben Schätzung etwa 80.000 Pfund, proprietäre Lösungen schlagen in Großbritannien mit 15.000 bis 40.000 Pfund pro Jahr und Gemeinde zu Buche. Für eine einzelne Gemeinde rechnet sich das nicht sofort - erst wenn mehrere mitfinanzieren, wird das Modell wirtschaftlich. Eine erste Alpha-Version ist seit September auf drupal.org verfügbar.
Die flämische Arbeitsmarktverwaltung VDAB berichtete ebenfalls, wie sie den Kauf eines neuen Standort-Tools vermeiden konnte, weil ihr bestehendes Drupal-Intranet die benötigten Daten längst verwaltete. Manchmal liegt die günstigste Lösung schon im eigenen Haus. In weiteren Kurzvorträgen ging es auch um Themen jenseits von Drupal - etwa um Open-Weight-Sprachmodelle und Nextcloud oder darum, wie man sehr viele Microsites sauber betreibt.
Wer pflegt das digitale Gemeingut?
Der Ökonom Garrett Hardin hat die sogenannte Tragik der Allmende beschrieben: Gemeinsame Ressourcen gehen zugrunde, wenn alle sie nutzen und niemand für sie verantwortlich ist. Open Source wird oft als Gegenbeispiel genannt, weil Software durch Nutzung nicht verbraucht wird. Das stimmt - aber nur, solange jemand in Wartung, Sicherheit und Weiterentwicklung investiert. Und um genau diese Spannung ging es im Nachmittagspanel unter der Leitung von Bert Boerland, Vorsitzender der niederländischen Drupal Association. Die Kernfrage: Sind Gemeindebudgets, Vergaberegeln und politische Zyklen dafür gemacht, etwas zu erhalten, das länger lebt als ein einzelner Vertrag oder eine Legislaturperiode? Eine Gemeinde-Website ist schließlich keine Kampagnenseite. Sie läuft über viele Jahre, muss Menschen mit geringer Lesekompetenz ebenso zuverlässig dienen wie Fachleuten und Vergaberecht, Barrierefreiheit und Datenhaltung von Anfang an mitdenken.
Bewegung kommt dabei gerade aus Brüssel. Am 9. September 2026 hat die EU-Kommission den Vorschlag für eine neue Vergabeverordnung vorgelegt. Sie soll die drei Vergaberichtlinien von 2014 ersetzen, unmittelbar in allen Mitgliedstaaten gelten und erstmals einen Rahmen für eine europäische Präferenz bei öffentlichen Aufträgen schaffen. Beschlossen ist damit noch nichts, Parlament und Rat verhandeln erst. Bis Mitte November läuft aber eine öffentliche Konsultation - eine Gelegenheit, mitzureden, wie Wartung, Barrierefreiheit und offene Software künftig in Ausschreibungen verankert werden.
Für Österreich ist diese Frage besonders spannend - und schwieriger, als britische Erfolgszahlen vermuten lassen. Mit rund 2.100 Gemeinden, viele davon sehr klein, ist die Ausgangslage eine andere. Der Markt für Gemeinde-Websites ist auf wenige Anbieter konzentriert, und kleine Gemeinden haben kaum Kapazität, eigene Digitalprojekte zu steuern. Auch ist offen, wer hierzulande die Anschubfinanzierung trägt, die ein gemeinsames Projekt in der Startphase braucht. In Deutschland fördert etwa die staatliche Sovereign Tech Agency gezielt die Wartung offener Basissoftware. Ob Österreich ein vergleichbares Instrument braucht, gehört zu den Fragen, die wir diskutieren sollten.
Gerade deshalb halten wir den Austausch für unverzichtbar. Wer sieht, wie andere Länder Finanzierung, Governance und Beschaffung gelöst haben - und wo sie gescheitert sind -, muss nicht jeden Fehler selbst machen.
Fazit
Rotterdam hat keine einfachen Antworten geliefert, aber die richtigen Fragen geschärft. Digitale Souveränität entsteht nicht durch einen Softwarewechsel, sondern durch Verantwortung: für die eigenen Abhängigkeiten, für die Finanzierung der Wartung und für die gemeinsame Basis, auf der viele aufbauen. Das ist mehr Arbeit als ein weiterer Lizenzvertrag. Aber das Ergebnis gehört am Ende der öffentlichen Hand - und damit den Menschen, für die sie arbeitet.
Wie es weitergeht: Wien und Brüssel
Noch 2026 holen wir das Gespräch aus Rotterdam nach Österreich. Am 20. November 2026 laden wir zum LocalGov Day nach Wien. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Gemeinden und Städte die Kontrolle über ihre Daten und ihre digitalen Dienste behalten. Wir stellen dort auch LocalGov Drupal Austria vor - und diskutieren offen, was sich vom britischen Modell übertragen lässt und was nicht. Mehr Informationen auf www.localgov.day.
Auch den nächsten großen Termin sollte man sich gleich notieren: die Drupal4Gov EU Conference 2027 am Donnerstag, 28. Jänner 2027, in Brüssel. Sie ist Teil der EU Open Source Week und bringt Verwaltung, EU-Institutionen und Open-Source-Community einen Tag lang zusammen - zu KI in der Verwaltung, Open-Source-Strategie, EU Sovereign Cloud und digitalen Gemeingütern. Der Eintritt ist frei, die Registrierung öffnet in Kürze unter drupal4gov.eu. Drupal Austria und Nico Grienauer unterstützen die Konferenz wieder mit aktiver Mitarbeit in der Organisation. Weil - wie schon gesagt - Vernetzung einfach Mehrwert bringt.
Sie wollen wissen, was LocalGov Drupal für Ihre Gemeinde bedeuten könnte? Kommen Sie am 20. November nach Wien - oder schreiben Sie uns. Wir setzen uns gerne mit Ihnen zusammen, um die Möglichkeiten zu besprechen.